Im März 2019 kehrte ich nach drei Monaten zurück in das Leben.
Zwei Letztprüfungen hatte ich noch in meinem Ingenieurstudium zu schreiben.
Man könnte meinen, ich hatte drei Monate nichts anderes gemacht als zu lernen.
Ganz und gar nicht.
Jeden Tag eine Stunde. Doch der Fokus und die Konzentration waren so auf den Punkt, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte.
Drei Monate zuvor. Ende 2018 war ich definitiv am Tiefpunkt angekommen.
Ich hatte mich in meinem eigenen Leben verirrt.
Wusste nicht, was ich wollte, und suchte ständig nach der Quelle der Freude, nach Bestätigung, letztendlich nach einem Fundament.
Ich hatte das Gefühl,
im freien Fall zu sein…
Ging irgendwie den Weg des Studiums, war davon aber nicht überzeugt.
Ich suchte die Absicherung, dass alles gut ist – dass alles mit mir gut ist – im Außen, in meinen Eltern, in meinen Vereinen, in meinen Freunden …
Crash. Krabumms. Es zog mich in mein schwarzes Loch. Mitten rein. Keine Gravitation hat bisher stärker auf mich gewirkt.
Ich brach mir meinen Knöchel. Kein Sport mehr – meine erste Quelle der Absicherung, der Schutz gegen meine Angst, war weg.
Meine Schwester feierte ihren Abschluss im Medizinstudium.
Und ich???
Krebste in Harburg rum – also in Harburg selbst nicht, dann wäre ich ja in der Uni gewesen, nein, nein, die mied ich erfolgreich.
Doch auf mich warteten zwei Prüfungen im letzten Versuch in Fluidtechnik und Technischer Schwingungslehre, dann noch eine Projektarbeit und natürlich die Masterarbeit.
Puh.
So gar keine Muße mehr.
Meinen Bachelor hatte ich schon wirklich im Kampfmodus abgeschlossen – wollte unbedingt zu den 15 % gehören, die es schaffen. Glückwunsch. Und wie waren die 8 Jahre Studium?
Trocken und purer Fluchtinstinkt.
Also. Kein Sport und eine Menge auf dem Schreibtisch zu bearbeiten. Meine zweite Beziehung ist ein halbes Jahr zuvor zu Ende gegangen. Ich empfand einfach nur noch eine Leere. Da war keiner mehr in meinem Körper zu Hause. Niemand.
Ein Geschenk.
Das ist der beste Moment, einmal Tabula rasa zu machen (im Nachhinein sagt sich das immer leicht, aber so ist es nun mal).
Ich stand jeden Morgen um 5 Uhr auf, las jedes Buch, das ich in die Finger bekam (ich konnte vorher rein gar nichts mit Büchern anfangen, außer, dass sie im Regal ganz nice und gemütlich aussahen!!).
Ich sog alles auf wie ein Schwamm, und gleichzeitig fing ich an zu schreiben, ließ alles los, Zwiebelschicht für Zwiebelschicht. Eine schmerzhafte, aber auch befreiende Zeit.
In mir formte sich eine neue Struktur. Von Tag zu Tag konnte ich beobachten, dass meine Klarheit wuchs.
Ich bemerkte Muster in meinem Leben, es fing an, sich zu sortieren.
Das Chaos verschwand.
Doch dieses schwarze Loch in mir war nach wie vor unfassbar stark, es riss alles mit, was nicht zu mir gehörte.
Ich schwitzte die ganze Nacht über Wochen, und all meine Identifikationen fielen nach und nach von mir wie alte Kleider ab.
Mehrmals stand ich mittags in meiner Küche, und ich spürte diese Versuchung, abzubrechen, einfach wieder mein altes Leben aufzunehmen, von diesem inneren Zug abzuspringen und zurück in den Dschungel zu gehen…
Ich hatte keine Ahnung, wo das hinführen sollte. Meine Angst war so groß, dass ich mich komplett auflöse …
Klingt so dramatisch, aber das war die größte Hürde, der schwarze Schatten, einfach ein Niemand zu sein.
Doch ich ging weiter …
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